Mehr Bewerbungen für Bundeswehr aus neuen Ländern - Hoffnung auf Ausbildung und sicheren Job
Die letzte Männerbastion fällt. Zwar wurde bereits Anfang 2000 mit dem Gleichstellungsurteil des Europäischen Gerichtshofes dem vermeintlich schwachen Geschlecht der Weg in die Kampfverbände der Bundeswehr geebnet. Erst seit dem vorigen Monat jedoch ist es möglich, sich in den Kreiswehrersatzämtern der Republik für den Dienst an der Waffe zu bewerben.
"Wir informieren über mögliche Einsatzgebiete, nennen die Anforderungen, geben die nötigen Unterlagen aus und nehmen die Bewerbungspapiere an", erklärt Wolfgang Busch vom Kreiswehrersatzamt Zwickau mit Sitz in Werdau. Aufgefallen ist dem Stabsfeldwebel, dass die meisten jungen Frauen "schon richtig gut im Bilde sind". Ob Pilotin, Feldjägerin oder Karriere im Stabsdienst - die künftigen Soldatinnen haben klare Vorstellungen von ihrer Zukunft in Uniform.
Obendrein ist ihnen klar, dass für sie keine Extrawürste gebraten werden. Schon bei der Überprüfung der Eignung, die für die neuen Länder in Berlin am Zentrum für Nachwuchsgewinnung OST der Bundeswehr durchgeführt wird, können sich die Anwärterinnen einen Vorgeschmack holen. Neben einem ärztlichen Check wird hier die geistige sowie die körperliche Fitness getestet. Um Liegestütze, Rumpfheben, Pendellauf oder Weitsprung kommt niemand herum.
Knapp 680 Bewerbungen sind seit Anfang dieses Jahres in der Hauptstadt aus den neuen Bundesländern eingegangen, 100 davon aus Sachsen. Zwar entfällt das Gros auf den Sanitätsdienst, für den laut Karl-Peter Schulte, Leiter des Annahmeverfahrens im Berliner Zentrum, bereits seit zehn Jahren Frauen zugelassen sind.
Allerdings planen nach ersten Schätzungen auch 200 Interessentinnen den Einstieg in die einstigen Männerdomänen. Sie wollen aufgenommen werden in die verschiedenen Kampfverbände. Ob Panzergrenadier oder Fernmeldespezialist, Mitglied einer Hubschrauberstaffel oder eines Jägerbataillons - nichts ist unmöglich. Da deren Unterlagen aber erst seit Juli 2000 ins Haus flattern, rechnet Schulte bis einschließlich Oktober mit "einer kleinen Bugwelle" bei den Einstellungstests für die Streitkräfte.
Auffällig ist, dass sich in den neuen Bundesländern deutlich mehr Bewerberinnen für die Scharping-Truppe erwärmen können als in den alten. "Das war auch schon beim Sanitätsdienst so", berichtet der Oberstleutnant. Mehr als jede dritte Bundeswehr-Frau kommt aus der Region zwischen Ostsee und Erzgebirge. Nach dem Bevölkerungsanteil gerechnet dürften es nur 24 Prozent sein. Die überproportionale Präsenz der Ostdeutschen erklärt Schulte mit deren vergleichsweise hoher Arbeitslosigkeit und der Lehrstellenknappheit.
Wolfgang Busch bestätigt dies für den Chemnitzer Raum. Insbesondere aus Gegenden mit massiven Strukturproblemen wie etwa dem Erzgebirge kämen viele Anfragen. Dennoch hält sich bei der Werdauer Bundeswehr-Dependance der Andrang noch in Grenzen. Etwa 30 Leute hätten sich bislang gemeldet und ihre Bewerbungspapiere abgegeben.
Schulte meint, dass beim weiblichen Geschlecht wie auch beim männlichen eine Verpflichtung als Zeitsoldat auf ein und dem selben Hauptbeweggrund basiert. "Gesucht wird ein sicherer Arbeitsplatz sowie eine Berufsausbildung, und dabei wird die Bundeswehr billigend in Kauf genommen", sagt er. Befördert werde dies im Osten durch eine relativ große Aufgeschlossenheit gegenüber dem Militär.
Der weibliche Rambo-Typ, der schlicht nach der Herausforderung sucht und sich in einer reinen Männerwelt behaupten will, sei eher die Ausnahme. Und auch die Lust am Kommandieren oder die Hoffnung auf "genügend Jungs" stehe höchst selten im Vordergrund. Mit derlei Flausen im Kopf dürften sich die Anforderungen auch kaum bewältigen lassen. Ob es sich um den 30-Kilometer-Marsch während der Grundausbildung handelt, um Schießen, Panzerfahren oder das Überwinden der Eskaladierwand - ein Zuckerschlecken wird die Arbeit zunächst nicht sein.
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Jeder kann wütend werden, das ist einfach. Aber wütend auf den Richtigen zu sein, im richtigen Maß, zur richtigen Zeit, zum richtigen Zweck und auf die richtige Art, das ist schwer.
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